Jubiläum

50-jähriges Kirchenjubiläum 2003

Die Kirche in der Bahnhofstraße wurde am 30. August 2003 50 Jahre alt. Lesen Sie mehr über die Geschichte.
Von Jürgen Rosinsky

Kirche Borgsdorf Juergen.jpg_Wo Christen wohnen, da möchten sie sich auch in ihrer Nähe gemeinsam im Namen Gottes versammeln. Dazu brauchen sie eine Begegnungsstätte, eine Kirche. Dies vermisste der Bereich Bahnhof bereits seit seiner intensiven Einwohnerentwicklung nach dem ersten Weltkrieg. Es gab aber nur die Kirche Pinnow, die beschwerlich zu erreichen war. So gab es immer wieder Überlegungen zu einer eigenen Kirche. Genaugenommen begann dies mit einem Beschluss der Gemeindevertreter des Dorfes Borgsdorf um 1870. Als damals die Nordbahngesellschaft um eine Haltestelle Borgsdorf nachsuchte, erklärten die Gemeindevertreter: „Haltestelle ja, aber mindestens zwei Kilometer vom Dorf entfernt.“ Begründung die Tiere werden erschreckt und die Sozialisten kommen schneller ins Dorf. So entwickelte sich der Bereich Bahnhof seit Eröffnung der Bahn 1877. Während die Einwohnerzahlen im Dorf stagnierten, stiegen sie im Bereich Bahnhof kontinuierlich an und erreichten im Jahre 1938 2500 Bewohner. Und die Entwicklung ging weiter, infolge der Berliner Ausgebombten und der Flüchtlingen aus dem Osten hatte der Bereich Bahnhof im Jahre 1952 ca. 3000 Einwohner, davon ca. 80 % evangelischen Glaubens.
Bei der Siedlungsplanung wurde auch an ein Grundstück für eine Kirche gedacht. Aber östlich der Bahn, das bei der weiteren Entwicklung nicht mehr geeignet war. Es wurde später getauscht gegen ein Grundstück in der Blumenstraße.
Solange Borgsdorf noch kirchlich zu Birkenwerder gehörte, wurde nicht ernsthaft an dem Vorhaben einer neuen Kirche gearbeitet. Aufgrund der Einwohnerentwicklung wurde aber am 01. Juni 1948 die Kirchengemeinde Borgsdorf errichtet und aus dem Pfarrsprengel Birkenwerder ausgepfarrt. Nunmehr wurden die Bauabsichten unter Leitung des Kirchenältesten Dr. Dangschat intensiviert. Man nahm mit dem evangelischen Hilfswerk Kontakt auf, um eine Baracke aus Holz für eine kleine Notkirche zu erwerben und auf dem Grundstück Blumenstr. aufzustellen.
Bald aber zeigte sich, dass Räume für den Religionsunterricht ein nichtiger Bestandteil des Neubaus sein müssten. Mit der Neureglung des Verhältnisses von Staat und Kirche war abzusehen, das der Unterricht in der Schule demnächst unmöglich würde. Noch gab es Gottesdienst in der Schule im Musiksaal und Religionsunterricht in der Bürgermeisterei.
So entstand der Gedanke, auf der Forstfläche gegenüber der Schule den Neubau der Kirche zu errichten. Verhandlungen mit der Forstverwaltung wurden aufgenommen. Gleichzeitig erarbeitete der Kirchenälteste Herr Martin Bittkau sen. einen ersten Kirchenentwurf, der im Herbst 1950 vorlag. Nach Beratungen im Gemeindekirchenrat wurde die heute sichtbare Grundkonstruktion beschlossen, keine Zugbänder im Kircheninnenraum, sondern freies Gewölbe und Abführung der auftretenden Kräfte auf außen sichtbare Pfeiler.


Pfarrer Himmel fördert den Neubau

Durch ein weiteres Ereignis wurden die Bemühungen um den Kirchenneubau äußerst positiv beeinflusst. Am 01. Oktober 1950 wurde die Pfarrstelle Borgsdorf ordnungsgemäß besetzt durch Pfarrer Hermann Himmel, der aus Jänickendorf (südlich Berlins gelegen) nach Borgsdorf kam. Er sah den Kirchenneubau als seine vordringliche Aufgabe an und betrieb sie mit einer unter den damaligen Verhältnissen heute nicht mehr vorstellbaren Energie mit vollster Unterstützung der Kirchengemeinde. Katechet Fritz Gruppe war ihm dabei eine große Hilfe. Der erste Entwurf wurde nochmals überarbeitet, Bestandteil wurde zusätzlich eine Wohnung. Gleichzeitig wurde ein Vertrag mit der Forstverwaltung zur Pachtung des Grundstückes Bahnhofstraße /Dornbuschweg abgeschlossen.
Pfarrer Himmel nahm Kontakt zum Konsistorium und dem kirchlichen Bauamt auf. Auch hier gab es volle Unterstützung. Sie beauftragten den Architekten Otto Kless aus Berlin-Rosenthal, der den vorliegenden Entwurf veränderte und erforderliche kirchliche Details hinzufügte. Er legte bereits am 12. Januar 1951 den Entwurf für eine Kirche mit angebautem Versammlungsraum aber ohne darüberliegende Wohnung vor.
Der vorliegende Entwurf wurde gemeinsam mit den Gemeindemitglieder Martin Bittkau sen. und Richard Bigalke nochmals überarbeitet und die Wohnung wieder hinzugefügt. Gleichzeitig wurde eine erste Kostenplanung über ca. 130.000 Mark vorgelegt. Für einen ersten Bauabschnitt wurde die Bereitstellung der erforderlichen Kosten wie folgt geplant: 52.000 Mark aus Beihilfen, 8.200 Mark durch Verkauf des Grundstücks Blumenstr. und 7.400 Mark durch Spenden und Kirchenkasse. Auf einmal stimmte die Landesregierung im Mai 1951 der Verpachtung des Waldgrundstückes an die Kirchengemeinde durch die Forstverwaltung nicht zu.
Da gelang es, das Gemeindemitglied, Frau Martha Franke, und den Nachlasspfleger ihres Sohnes dazu zu bewegen, ihren Waldbesitz an anderer Stelle gegen eine gleichgroße Waldfläche gegenüber der Schule der Forstverwaltung zum Tausch anzubieten. Dem stimmte die Forst und die Landesregierung zu. Der entsprechende Tauschvertrag wurde im November 1951 notariell mit Einverständnis der Landesregierung geschlossen und im Dezember 1951 der erste Erbbaurechtsvertrag mit den Frankschen Erben. Der Kirchengemeinde wurde vom neuen Eigentümer vertraglich das 30-jährige Erbbaurecht und Vorkaufsrecht eingeräumt.


Bauvorbereitung und Baugenehmigung

Daraufhin leitete der Rat der Gemeinde Borgsdorf im August 1951 die Bauunterlagen befürwortend an den Rat des Kreises. Die Bauaufsicht erteilte mündlich die Erlaubnis zum Beginn der bauvorbereitenden Maßnahmen. Sie begannen am 02. September 1951 mit einer kurzen Feier auf dem Bauplatz. Noch im September beschloss der Gemeindekirchenrat einen Aufruf zur Rodung des Geländes an einem Wochenende. „Den Gottesdienst aber bitte nicht stöhren" heißt es in einem Beschluss des GKR. Beim Roden der Bäume war insbesondere die Junge Gemeinde aktiv. Vorher hatte die Kreisbaupolizei den vom Architekten Kless vorgelegten Entwurf als zu aufwendig abgelehnt und eine Überarbeitung gefordert (u.a. keine Stuckarbeiten, nur Putz) mit einer Aufteilung in mehrere Bauabschnitte.
Für die Ausführung des Bauvorhabens wurden zwei Angebote eingeholt und Maurermeister Schulz aus Borgsdorf mit der Ausführung beauftragt. Zielstellung war Fertigstellung bis Oberkante Sockel noch 1951. Nun folgten die Schwierigkeiten bei der Materialbeschaffung. Der Nachweis des vorhandenen Materials war eine Grundlage für die Erteilung der Baugenehmigung. Was Pfarrer Himmel und die Gemeindemitglieder dabei anstellten ist bewundernswert. So musste u.a. kurzfristig die Unterlagen für den Sockelbereich umgearbeitet werden, da Klinker aus Veiten zur Verfügung standen. Bäume neben dem Friedhof wurden für erforderliches Bauholz gefällt. Und noch ein kleines Beispiel was die Söhne von Pfarrer Himmel erzählten: In den Jahren 1951 - 53 wurde noch auf dem Bahnhof Borgsdorf von der Polizei das Gepäck kontrolliert und vieles konfisziert. Um sich dieser Gefahr bei den in Westberlin gekauften Nägeln und Schrauben nicht auszusetzen, warf Pfarrer Himmel die Sachen vor Borgsdorf aus der S-Bahn und die Söhne sammelten sie an der vorher vereinbarten Stelle ein. Eine weitere Verzögerung beim Kirchenneubau brachte die beginnende Neustrukturierung der DDR in Bezirke mit sich. Dadurch kam es auch zur Veränderung der Genehmigungspraxis, was zur Verzögerung von einem knappen Jahr führte. Die Landesregierung arbeitete weiter, holte aber für jede Genehmigung die Zustimmung der Regierung der DDR ein. So wurde u.a. die Zusage des Landrates zum 1. Bauabschnitt von der Landesregierung zurückgenommen
Der Tauschvertrag über die Waldflächen wurde erst im Juli 1952 durch das Ministerium des Inneren der DDR bzw. das Amt zum Schutz des Volkseigentums genehmigt und grundbuchamtlich übertragen. Nunmehr gab auch das Evangelische Konsistorium Berlin-Brandenburg seine offizielle Zustimmung zum Kirchenneubau. Bereits vorher hatten Superintendent Berendts und Generalsuperintendent Dr. Krummacher das Vorhaben nachdrücklich unterstützt und gefördert. Auf ihre Intervention hin wird nach erster Ablehnung am 20. Juni 1952 die Baulizenz zum Kirchenneubau von der Landesregierung erteilt und daraufhin die Baugenehmigung am 8. August 1952 vom Rat des Kreises.
Jetzt wurden die endgültigen Bauunterlagen und Kostenpläne unter Mitwirkung von Herrn Bigalke erarbeitet und Pfarrer Himmel schloss einen Generalleistungsvertrag über die Ausführung der Bauarbeiten mit der Genossenschaft für das Bauhaupt- und -nebenhandwerk des Kreises Niederbarnim in Bernau ab.


Bau und Fertigstellung

Und ein neues Problem: Architekt Kless legte die Bauleitung nieder wegen beruflicher Belastung. Glücklicherweise erklärte sich Herr Bigalke zur Übernahme der Bauleitung bereit. Er erhält dafür einen monatlichen Lohn von 150 Mark.
Nun liefen intensiv die Bauarbeiten durch Maurermeister Johannes Schulz aus Borgsdorf und Max Albrecht aus Oranienburg an mit aktiver Unterstützung der Gemeindemitglieder. Beim Ausschachten des Kellers und der Fundamente halfen die Freiwillige Feuerwehr und der Männergesangverein. Außerdem kam brüderliche Hilfe aus anderen Gemeinden. Bedauerlicherweise kam es dabei zu einem kleinen Fehler, der sich auf den späteren Bau auswirkte.
Obwohl nur wenige Steine für den Grundstein vorhanden waren erfolgte die Grundsteinlegung am 14. September 1952 in einem Festgottesdienst mit Generalsuperintendent Dr. Krummacher. Er wünschte, dass bald ein Haus zur Ehre Gottes erstehen möge.
In den Grundstein mit eingemauert wurden: eine kurze Chronik von Borgsdorf, Pfarramtliche Notizen und Notizen über die Vorgeschichte des Kirchenbaus sowie Tageszeitungen.
Da traf wie ein Wunder noch am selben Tage nachmittags ein Lastkahn aus Zehdenick mit 60 000 Mauersteinen ein und legte in Höhe des heutigen Motel Havelhausener Brücke an. Alle Gemeindemitglieder und Bürger von Borgsdorf beteiligten sich am Ausladen der Steine und Transport zum Kirchenbauplatz. Das Bauvorhaben war so populär geworden, dass auch die politischen Parteien zum Mitmachen aufriefen.
Es ist ein Artikel der CDU-Zeitung vorhanden, der die Bürger zum Mitmachen aufrief zu Ehren des Jahrestages der Gründung der DDR. In zwei Tagen waren die Steine, transportiert mit den verschiedensten Transportmitteln am Bauplatz.
Nun musste sogar ein Wächter angestellt werden um den Diebstahl von Baumaterial zu verhindern. Zügig wurde nun in den folgenden Wochen mit helfender Hand der Gemeinde gearbeitet bis starke Fröste die Weiterarbeit verhinderten.
Dann war das Holz für den Dachstuhl aus der Sägemühle zu holen und am Sylvesternachmittag kam die letzte Fuhre, sodass die Zimmerleute im Neuen Jahr arbeiten konnten. So konnte nach intensiver Arbeit in einer würdigen Feierstunde am 24. Januar 1953 die Richtkrone aufgezogen und alle beteten dafür, das noch 1953 die Kirche ihrer Bestimmung übergeben werden kann.
Am 30. August war es dann soweit. Im Beisein vieler Persönlichkeiten und unter großer Anteilnahme der Bevölkerung wurde die neue Kirche durch Bischof Dibelius in einem Festgottesdienst eingeweiht. Es hatte sich eine zahlreiche Gemeinde versammelt, die Abschied nahm von ihrer alten Predigtstätte in der Schule. Auch der einsetzende Regen hielt niemanden ab. Der Festzug bewegte sich unter Vorangehen aller Geistlichen den Randgemeinen des Kirchenkreises zur neuen Kirche.

Feierliche Einweihung

In seiner Predigt führte Bischof Dibelius in seiner kräftigen Sprache u.a. aus: „Der Christ kann nur in der Gemeinschaft des lebendigen Gottes leben. Wer im Evangelium lebt, der lebt auch in der Wahrheit. Dieses Leben kann nur in der Gemeinschaft geführt werden. In der Sofaecke zu Hause ist noch keiner selig geworden."
Zur Einweihung kamen viele Glückwünsche u.a. auch von dem in Birkenwerder wohnenden Präsidenten der Volkskammer der DDR, Dr. Johannes Dieckmann.
Gleichzeitig erreichten die Kirchengemeinde viele Spenden zur weiteren Ausgestaltung der Kirche, so die Altarbibel von der evangelischen Hauptbibelgesellschaft zu Berlin, das Abendmahlgeschirr wurde gestiftet vom Würthenbergischen Gustav-Adolf-Frauenverein durch Vermittlung von Bischof Dibelius und dem Kirchenkreis Reinickendorf. Der Kirchenkreis Pankow stiftete 28 Glühbirnen zur Beleuchtung.
Abschließend zitiere ich noch aus einem Schreiben des Bischofs in Vorbereitung der Einweihungsfeier. Dabei ist davon auszugehen, dass der gewissenhafte Pfarrer Himmel sich bestimmt sehr viele Gedanken zum Ablauf der Feier gemacht hat:
"Mein lieber Bruder Himmel,
ich habe mir den 30. August für die Einweihung der Kirche in Borgsdorf notiert. Die Feier würde so vor sich gehen, dass nach der Schlüsselübergabe die Gemeinde unter Vortritt der Pfarrer in die Kirche einzieht. Wenn Sie keine Orgel haben, müssten während der Schlüsselübergabe die Bläser durch einen Seiteneingang in die Kirche gebracht werden. Der Einzug muss von dem Augenblick an, wo die Türen geöffnet werden, unter kräftiger Musik erfolgen, weil das Drängen auf die Plätze sonst ein unwürdiges Schauspiel wird.
Dann singt die Gemeinde ein Loblied. Ich trete vor den Altar und vollziehe die liturgische Weihehandlung. Dann singt die Gemeinde wieder. Der Ortspfarrer hält die Eingangsliturgie. Nach einem weiteren Gemeindegesang will ich die Predigt halten."


Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.


Jahreslosung

Lass dich nicht vom Bösen überwinden,
sondern überwinde das Böse mit Gutem.


(L) Römer 12,21

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