Bekennende Kirche gestern und heute

Lied: Von guten Mächten 637;1;5;6

Ich möchte heute mit dem Text einer Postkarte beginnen. Sie diente dem Protest gegen die Verhaftung Pfarrer Martin Niemöllers. Es sind seine Worte:

Wir haben nicht zu fragen, wieviel wir uns zutrauen;

sondern wir werden gefragt, ob wir Gottes Wort zutrauen,

daß es Gottes Wort ist und uns tut, was es sagt!

Wir treffen uns heute, um über das Thema „Bekennende Kirche gestern und heute“ zu sprechen. Und ich bringe all jenen, die es nicht wussten eine frohe Botschaft:

Wir sind die bekennende Kirche. Wir haben es nur vergessen.
Ich sehe Fragezeichen bei dem einen oder anderen von Ihnen. Aber es stimmt.

Denn zumindest die meisten hier sind Mitglieder der Evangelischen Kirche Deutschlands. Und die Bekennende Kirche, die die Grundlagen des christlichen Glaubens in Bibel und Glaubensbekenntnis, sah wurde Teil der 1945 gegründeten EKD. Ihre Gründung beendete im kirchenhistorischen Sinn den von 33-45 herrschenden Kirchenkampf.

 

Was war das für ein Kirchenkampf?

 

Gehen wir zurück zur Machtergreifung Adolf Hitlers. In seinem öffentlichen Aufruf zur Machtergreifung bekräftigte Hitler am 31. Januar 1933: »Die Reichsregierung wird das Christentum als Basis unserer gesamten Moral, die Familie als Keimzelle unseres Volks- und Staatskörpers in ihren festen Schutz nehmen.« Das klingt erst einmal nicht falsch.

Jedoch verfolgte Hitler von Beginn an eine radikale Kirchenpolitik. Sein erstes Ziel war die Gleichschaltung der Kirche unter der Ideologie eines völkischen Christentums.
Der Führer verlangte den Zusammenschluss des in 28 Landeskirchen und in drei Konfessionen zersplitterten Protestantismus zu einer geeinten evangelischen »Reichskirche«. Sich selber sah er dabei als eine Art Papst.

Einige Teile der NSDAP strebten gar eine langfristige Auflösung und Ersetzung des Christentums durch ein Neuheidentum, den Neopaganismus, an.

Von Hitler unterstützt gewannen am 13. Juli 1933 die Deutschen Christen die Kirchenwahlen. Lediglich die Bischöfe der Landeskirchen von Bayern, Württemberg und Hannover gehörten ihnen nicht an.

 

Wer waren diese Deutschen Christen?

 

Die »Deutschen Christen«, waren eine 1932 gegründete Bewegung der dt. ev. Kirche die für das Folgende standen:

– die Eingliederung der Evangelischen Jugend in die HJ,
– die Entfernung des Alten Testaments aus der Bibel und
– die Einführung des »Arier-Paragraphen« in die Kirche.

Auf der im September folgenden Generalsynode der Evangelischen Kirche wurde Ludwig Müller, ein Hitler-Vertrauter, zum Reichsbischof gewählt. Von nun an waren Geistliche und kirchliche Verwaltungsbeamte „nichtarischer Abstammung“ gemäß dem Arier-Paragraphen in den Ruhestand zu versetzen, ebenso solche, die in Mischehen mit einer Person „nichtarischer Abstammung“ lebten.

Am Folgetag traf sich ein Kreis von Oppositionellen die auf der Synode am Diskutieren des Gesetzes gehindert worden waren. Auf Initiative der Niederlausitzer Pfarrer
Herbert Goltzen, Günter Jacob und Eugen Weschke gründeten sie den Pfarrernotbund. Ein paar Tage darauf traten ihm weitere Pfarrer, darunter auch Martin Niemöller und Dietrich Bonhoeffer, bei. Zwischen September 1933 und Januar 1934 waren bereits 7000 Pfarrer – ein Drittel der Geistlichen der evangelischen Kirche – dem Notbund beigetreten.

Um die seit 1933 entstandenen Pfarrernotbünde und Bekenntnisgemeinschaften zu einen, übernahm im März 1934 ein „Reichsbruderrat“ die Koordination und lud zur ersten Barmer Bekenntnissynode im Mai 1934 ein. Hier konstituierte sich die Bekennende Kirche. Sie verkündete, die einzige rechtmäßige evangelische Kirche in Deutschland zu sein. Sie arbeitete auf den Sturz des Reichsbischofs und die Ablösung der deutschchristlichen Kirchenregierungen hin.

 

Der bayerische Landesbischof Hans Meiser brachte den Spagat zwischen christlich motivierter Obrigkeitstreue und kirchenpolitischer Kritik gegenüber Hitler 1934 zum Ausdruck: »Dann bleibt uns nichts anderes übrig, als unseres Führers allergetreueste Opposition zu werden

 

Die in Wuppertal-Barmen versammelten Vertreter der Bekennenden Kirche verabschiedeten die Barmer Theologische Erklärung als Fundament ihrer Kirche.
Sie wurde im Wesentlichen von dem Theologen Karl Barth unter Mitarbeit von Thomas Breit und Hans Asmussen ausgearbeitet und gilt als wegweisendes Lehr- und Glaubenszeugnis der deutschsprachigen Kirche im 20. Jahrhundert. Da sie für einige Mitgliedskirchen der EKD zu den Bekenntnisgrundlagen für die Ordination von Pfarrern gehört, ist sie im Evangelischen Gesangbuch im Wortlaut abgedruckt. Eine Erklärung, die sich gegen die natürliche Theologie richtet und damit gegen die Ideologie der Deutschen Christen, die daran festhielten, dass es in der Kirche noch »andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten« gibt. Sehen Sie selbst.

Es gilt aber festzuhalten, dass gesamtkirchliche Konsequenzen, die aus dem Zusammenprall des kirchlichen Glaubensbekenntnisses mit der totalitären NS-Staatsideologie hätten folgen müssen, ausblieben. Selbst die Bekennende Kirche hielt sich bei staatlichen Belangen zurück. Sie legte immer Wert darauf, keinen politischen Widerstand zu leisten.

In der Einleitung des 1949 vom Bruderrat der EKD – dem Nachfolger des Bruderrates der Bekennenden Kirche – herausgegebenen Märtyrerbuches heißt es:

Alle, von denen in diesem Buch die Rede ist, … haben ihre Leiden nicht darum auf sich genommen, weil sie mit der Politik des Dritten Reiches nicht einverstanden waren und in ihr ein Verhängnis für unser Volk erkannten, sondern nur …, weil sie das Bekenntnis der Kirche angegriffen sahen und es, gelte es auch den Einsatz des Lebens, um der Treue zu Christus willen zu wahren hatten.“

Das ist aber überhaupt nicht das Bild, das sich in den Köpfen der meisten abzeichnet, wenn wir heute an die „Bekennende Kirche“ denken.

Wie kann das sein?

Das liegt an der Weitsicht von Persönlichkeiten wie Bonhoeffer und Niemöller und ihren Aussagen wie: „Wer fromm ist, muss politisch sein.“ und „Evangelium ist Angriff“. Die Gründungsmitglieder der Bekennenden Kirche hatten einfach nicht so weit gesehen und konnten sich das kommende Grauen überhaupt nicht vorstellen. Wer konnte das schon? Dass die absolute Trennung von kirchlichem und politischem Widerstand gar nicht bedacht wurde, lässt sich aus den rückblickenden Kritiken Mitwirkender erkennen. So erkannte der Theologe Karl Barth es Jahre später als Mangel an, dass die Barmer Erklärung das Schicksal der Juden nicht in den Blick genommen hatte.

Martin Niemöller, der 1937 verhaftet und als »persönlicher Gefangener des Führers«
ins KZ eingeliefert wurde, beschreibt seine und die Schuld der Kirche später mit den Worten: „Wir haben uns noch nicht verpflichtet gefühlt, für Leute außerhalb der Kirche irgendetwas zu sagen… so weit waren wir noch nicht, dass wir uns für unser Volk verantwortlich wussten.
Und ich denke, dass auch wir heute in gewisser Weise wieder an dieser Stelle stehen.
Niemöllers 1976 entstandenes Zitat

Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.
Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen;
ich war ja kein Sozialdemokrat.
Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Gewerkschafter.
Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.

ließe sich meiner Ansicht nach für die heutige Zeit so übersetzen:

Wenn das Kreuz aus dem öffentlichen Raum verschwindet, schweige ich;
ich bin ja kein Hardliner.
Wenn Ökumene nicht gelebt wird, schweige ich; ich bin ja kein Katholik.
Wenn andere Religionen verachtet werden, schweige ich;
ich bin ja weder Muslim noch Jude.
Wenn meine Kirche verschwindet, wird es niemanden mehr geben, der protestiert.

Martin Niemöller hat immer darauf geachtet, dass er die oft schmale Grenze nicht überschritt, die den Kampf um die Freiheit und Reinheit der Verkündigung einerseits
und den politisch-militärischen Widerstand gegen Hitler andererseits trennte. Es stellt sich die Frage, ob er am Ende – wäre er in Freiheit geblieben – nicht auch den Weg Bonhoeffers beschritten hätte, der diesem den Tod gebracht hat.

Wie sah dieser Weg aus?

Dietrich Bonhoeffer entdeckte die Bibel und seine persönliche Frömmigkeit neu, während er über den Umgang mit dem nationalsozialistischen Staat nachdachte. Er gelangte zu der Überzeugung: Wer fromm ist, muss politisch sein.
Im Frühjahr 1933 äußerte sich der junge Theologe in großer Klarheit über das Verhältnis von Kirche, Staat und Öffentlichkeit. Kurz nach Einführung des Arier-Paragraphen hielt Bonhoeffer einen Vortrag vor Pfarrern in Berlin. Er erschien später unter dem Titel Die Kirche vor der Judenfrage. Darin hält er fest:
Eine Verstoßung der Juden aus dem Abendland muß die Verstoßung Christi nach sich ziehen; denn Jesus Christus war Jude.“

 

Schon 1933 beschreibt Bonhoeffer drei Formen, in denen die Kirche ihre Verantwortung gegenüber dem Staat ausüben muss:

  1. An den Staat gerichtet die Frage nach dem legitimen Charakter seines Handelns. Der Bayrische Landesbischof Bedford-Strohm setzt das, in seinem in der ZEIT erschienenen Artikel, mit dem heutigen Verständnis der „Kultur der Einmischung“ gleich.
  2. Die Kirche ist den Opfern jeder Gesellschaftsordnung in unbedingter Weise verpflichtet, auch wenn sie nicht der christlichen Gemeinde angehören. Dieser diakonische Dienst an den Bedürftigen zeigt sich heute, wenn Gemeinden für den Schutz von Flüchtlingen eintreten.
  3. …nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden (die Kirche soll also nicht nur vom Staat zugeführte Schmerzen lindern), sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen (sondern sie soll den Staat daran hindern, daß er Unrecht tut). Das könnte man als Freibrief zum Widerstand in jeglicher Form missverstehen.

Aber Bedford-Strohm zeigt in seinem Artikel auf, dass auch wenn Bonhoeffer die Tötung Hitlers in Kauf nahm, als er sich an den Attentatsplänen beteiligte, dem Rad gewaltfrei in die Speichen zu fallen, für ihn absolute Priorität hatte.
Der gewaltfreie zivile Ungehorsam wird zur Christenpflicht, wenn es um den Erhalt eines friedlichen Miteinanders geht. Wenn wir begreifen, daß Jesus Christus der Herr der Kirche und der Herr der Welt ist, dann begreifen wir auch, dass „politisch-sein“ zu unserer Christenpflicht gehört.

Jetzt so kurz nach Ostern scheint die Osterbetrachtung des Theologen Hans Iwand passend:

Die Osterfeier sollte die Siegesfeier der Christen sein, die sie erinnert an jenen Tag, da Gott Christus zum Herrn der Welt setzte und alle Mächte und Gewalten, alle Throne und Herrschaften, wie es in der Bibel heißt, ihm unterordnete.

Die Bekennende Kirche war nur ein Anfang. Der Anfang zur Umkehr, indem wir wieder nach der wahren Kirche fragen und uns nicht vertrösten lassen mit dem billigen Verweis auf die unsichtbare Kirche. Wir dürfen die Einheit, die aufgeleuchtet hat, nicht wieder vergessen, genauso wenig wie die Schäden, die offenbar wurden. Wenn wir verstummen, verstummt die Kirche. Ich weiß nicht, ob es reicht, sich das Stuttgarter Schuldbekenntnis aus dem Jahre 1945 zu Herzen zu nehmen:
„…wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“

Aber ein Anfang wäre es, auch wenn ich mir persönlich wünschen würde, daß wir alle etwas mehr dem Geist Bonhoeffers folgten und unser und des Staates Tun mehr am Glaubensbekenntnis messten.

 

Lied: Oh daß ich tausend Zungen hätte 330;1;2;6

Lassen Sie uns gemeinsam das Glaubensbekenntnis sprechen:

Ich glaube an Gott, den Vater,
den Allmächtigen,
den Schöpfer des Himmels und der Erde.

Und an Jesus Christus,
seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,
empfangen durch den Heiligen Geist,
geboren von der Jungfrau Maria,
gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,
hinabgestiegen in das Reich des Todes,
am dritten Tage auferstanden von den Toten,
aufgefahren in den Himmel;
er sitzt zur Rechten Gottes,
des allmächtigen Vaters;
von dort wird er kommen,
zu richten die Lebenden und die Toten.

Ich glaube an den Heiligen Geist,
die heilige christliche Kirche,
Gemeinschaft der Heiligen,
Vergebung der Sünden,
Auferstehung der Toten
und das ewige Leben. Amen.

Clarissa Dreier