Thomas Müntzer: Der „linke Flügel“ der Reformation

Am 13. Juli 1524 versucht der umtriebige Pfarrer Thomas Müntzer die Fürsten, die der Reformation Martin Luthers anhängen, für seine revolutionären Ziele zu gewinnen. Auf Schloss Allstedt beklagt er vor seinem Landesherrn, dem späteren Kurfürsten Johann dem Beständigen, die “arme zerfallene Christenheit“. Scharf greift er die sozialen Missstände an und folgert: Wenn die Fürsten nicht ihrer Juni / Juli 2017, Nr. 29 Aus der Gemeinde von Gott bestimmten Aufgabe nachkommen, die Frommen zu schützen und die Gottlosen zu strafen, ist das Volk von Gott auserwählt und verpflichtet, das Schwert und die Macht zu ergreifen. Der um 1490 in Stolberg (Harz) geborene Seelsorger, der mit der ehemaligen Nonne Ottilie von Gersen verheiratet ist, hat sich auch Martin Luther zum Feind gemacht. Luther, der ihn zuvor unterstützte, beschimpft ihn nun als „Satan von Allstedt“. Er sieht in dessen Radikalität eine Gefahr für sein Reformationswerk. Müntzer wehrt sich und bezeichnet Luther als „Dr. Lügner“ und „geistloses sanftlebendes Fleisch zu Wittenberg“. Er greift aus Nürnberg mit seiner „Hochverursachten Schutzrede“ Luthers Rechtfertigungslehre an: Sie sei nur Gnade für die Herrschenden und Besitzenden. Doch für die Besitzlosen sei sie Gesetz, Zwang und Strafe. Ende April 1525 greifen die Bauernaufstände von Süddeutschland nach Thüringen über. Müntzer sieht darin einen Wink Gottes, die bisherigen Obrigkeiten abzusetzen und die endzeitliche Trennung der „Auserwählten“ von den „Gottlosen“ einzuleiten. Am 15. Mai kommt es zu einer Schlacht auf einer Anhöhe bei Frankenhausen. Den weit überlegenen fürstlichen Truppen haben die Bauern nichts entgegenzusetzen. Sie werden niedergemetzelt. Müntzer wird gefangen genommen, gefoltert und am 27. Mai öffentlich hingerichtet. Sein Abschiedsbrief an die Aufständischen, die er dabei zur Einstellung des weiteren Blutvergießens aufruft, bezeugt sein prophetisches Sendungsbewusstsein: Das Volk habe ihn nicht recht verstanden, es habe nur den Eigennutz gesucht und sei deshalb von Gott gestraft worden. Seinen Tod versteht er als Sühneopfer für den Ungehorsam des Volkes gegenüber Gott. Thomas Müntzer gehört zum so genannten „linken Flügel“ der Reformation. Auf ihn berufen sich sowohl Täufer als auch Sozialreformer.

Reinhard Ellsel